Hinterlandgeschichten

Lecker ouriço

Du sprichst portugiesisch? Zumindest so viel, daß du hier problemlos überleben kannst? Also zum Beipiel  vinho, queijo, cerveja, chouriço? Genau, dann denkst du womöglich, daß sich in die Überschrift ein Fehler eingeschlichen hat ...

kleiner Igel
100 g ist nicht viel

Es war der 1. November letzten Jahres, ein trüber, unfreundlicher Tag, wir waren noch in Deutschland, da findet unser Hundchen Sala im Garten einen Igel. Ein kleines Würmchen, halbverhungert und steckensteif gefroren, kaum 100 Gramm schwer. Mit einem Satz: Null Chance, den Winter im Freien zu überleben.

Also packen wir den Kleinen, wärmen ihn erst mal auf und probieren, ob er was essen mag. Zu unserer Freude tut er es. Er ist so klein und schwach, daß nicht mal Flöhe und Zecken auf ihm sitzen.

In Deutschland ist es streng verboten, Wildtiere aus der Natur zu nehmen. Außer bei Igeln – wenn sie zu Winterbeginn weniger als 200 Gramm wiegen, überleben sie nicht. Man sollte sie mitnehmen und in einer Igelstation abgeben. Da wir schon Igel-Erfahrung haben, wird er bei uns aufgepäppelt und wiegt nach ca. 4 Wochen bereits 600 Gramm. Er bekommt, nach einem prüfenden Blick unter den Bauch, den Namen Joey und es gefällt und schmeckt ihm anscheinend so gut, daß er noch keine Lust auf Winterschlaf hat.

Igel beim Futtern
ihm schmeckt's...

Und so langesam machen wir uns Gedanken, was mit dem kleinen Kerl zu tun ist, denn unsere Abreise nach Portugal rückt immer näher. Mitnehmen? Das geht auf keinen Fall … siehe oben … Und überhaupt … gibt es eigentlich Igel in Portugal? Wir müssen uns eingestehen, daß wir es nicht wissen. Gesehen hatten wir bis dato jedenfalls noch keinen. Wir entschließen uns, ihn in eine professionelle Igel-Auffangstation zu geben, nebst einer Spende und der Vereinbarung, daß wir ihn im Mai, wenn er wieder aufgewacht ist, abholen werden.

Es ist kurz vor Weihnachten, wir sitzen in gemütlicher Runde in Marias "Casa de Pasto", das ist der zentrale Kommunikationstreffpunkt, wo alles besprochen wird: Wer wann ins Hospital kam, wem der Fuchs ein Huhn geklaut hat, was man gestern und heute gegessen hat und morgen essen wird, wie das Wetter ist, wo ein Schwein geschlachtet wurde, wer gestorben ist und was wann im Garten zu tun ist, natürlich nach dem Mondkalender orientiert.

Ich denke, ich bringe mal ein neues Thema auf den Tisch und zeige Fotos von Joey. Alle sind gleich sehr interessiert und gucken und wir wissen nun: Ja, es gibt Igel auch im Süden Portugals. Der portugiesische Name ist ouriço. José ist besonders angetan, strahlt mich an und mit einer Hand über seinen gewaltigen Bauch streichend, sagt er "ouriço – mmhhhhh, schmeckt guuuut!"

Mir verschlägts die Sprache. Während er anfängt, detailliert die Zubereitungsmethode zu erklären (das erspare ich dir jetzt lieber), merke ich, wie mich alle dabei genau angucken. Kaum hat er seine Schilderung beendet, fangen sie an, laut zu lachen und zwar über mich und meine Reaktion. Dieser portugiesische Humor steht dem schwarzen, englischen Humor doch in nichts nach!

Dann kommt die Erklärung: Tatsächlich wurden früher auch ab und zu Igel gegessen, oftmals hat die pure Not den Speisezettel diktiert und Fleisch gab es sowieso nicht täglich. Aber das ist lange vorbei und in Zeiten von Supermärkten und Discountern macht sich keiner mehr die Mühe, den kleinen Igeln nachzustellen.

Da muß schon was Größeres kommen, wie zum Beispiel Wildschweine, aber das ist eine andere Geschichte.....